
Welche AQAP-Normen gibt es?
Nachdem wir in Teil 1 unserer Serie die Grundlagen von AQAP sowie die Unterschiede zur ISO 9001 erläutert haben, werfen wir nun einen genaueren Blick auf die verschiedenen AQAP-Dokumente und deren praktische Bedeutung.
Viele Unternehmen gehen davon aus, dass es „die eine AQAP-Norm" gibt. Tatsächlich existieren jedoch zahlreiche Allied Quality Assurance Publications (AQAP), die je nach Produkt, Projekt und Auftraggeber zur Anwendung kommen. Welche Anforderungen erfüllt werden müssen, ergibt sich grundsätzlich aus dem jeweiligen Vertrag oder der Ausschreibung.
| AQAP-Dokument | Anwendungsbereich |
|---|---|
| AQAP 2110 | Qualitätsanforderungen für Entwicklung, Konstruktion und Produktion |
| AQAP 2210 | Qualitätsanforderungen für softwarebezogene Produkte |
| AQAP 2310 | Qualitätsanforderungen für Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidigungsprodukte |
| AQAP 2105 | Anforderungen an Qualitätspläne |
| AQAP 2070 | Konfigurationsmanagement |
| AQAP 4107 | Mutual Government Quality Assurance (gegenseitige staatliche Qualitätssicherung) |
Die ersten drei Normen sind für Unternehmen in der Praxis besonders relevant.
AQAP 2110: Der Standard für Entwicklung und Produktion
Die AQAP 2110 ist die am häufigsten geforderte AQAP-Norm. Sie richtet sich an Unternehmen, die entwickeln, konstruieren, produzieren, montieren, prüfen oder instand setzen.
Sie basiert unmittelbar auf der ISO 9001 und ergänzt diese um zusätzliche militärische Anforderungen. Typische zusätzliche Forderungen sind:
- umfassende Produktnachweise
- verstärkte Risikobetrachtung
- Konfigurationsmanagement
- Rückverfolgbarkeit
- Qualitätspläne
- Einbindung der staatlichen Qualitätssicherung
- verstärkte Lieferantenlenkung
Für viele mittelständische Fertigungsunternehmen ist AQAP 2110 der Einstieg in die Verteidigungsindustrie.
AQAP 2210: Anforderungen für Softwareentwicklung
Die AQAP 2210 richtet sich speziell an Unternehmen, die Software entwickeln. Sie ergänzt die Anforderungen der ISO 9001 um Aspekte wie:
- Softwareentwicklung
- Versionsverwaltung
- Änderungsmanagement
- Testmanagement
- Validierung und Verifizierung
- Dokumentation des Entwicklungsprozesses
Gerade bei sicherheitskritischen Anwendungen ist eine vollständige Dokumentation sämtlicher Änderungen zwingend erforderlich.
AQAP 2310: Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung
Die AQAP 2310 wird überwiegend in der Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie eingesetzt. Sie stellt besonders hohe Anforderungen an:
- Produktsicherheit
- Entwicklungsprozesse
- Qualitätsplanung
- Nachweisführung
- technische Dokumentation
- Freigaben
- Risikoanalysen
Unternehmen, die Bauteile für militärische Flugzeuge, Hubschrauber oder andere sicherheitskritische Systeme liefern, müssen häufig diese Anforderungen erfüllen.
Qualitätspläne nach AQAP
Ein wesentliches Element vieler AQAP-Anforderungen ist der Qualitätsplan. Ein Qualitätsplan beschreibt projektbezogen,
- welche Prozesse angewendet werden,
- welche Prüfungen stattfinden,
- wer verantwortlich ist,
- welche Dokumente erstellt werden,
- welche Freigaben erforderlich sind,
- welche Risiken bestehen.
Der Qualitätsplan dient als Nachweis gegenüber dem Auftraggeber und sorgt für Transparenz während des gesamten Projekts.
Konfigurationsmanagement: Mehr als Dokumentenlenkung
Während viele Unternehmen bereits mit Dokumentenlenkung arbeiten, geht das Konfigurationsmanagement deutlich weiter. Es stellt sicher, dass jederzeit eindeutig nachvollzogen werden kann,
- welche Produktversion aktuell gültig ist,
- welche Zeichnung verwendet wurde,
- welche Softwareversion installiert wurde,
- welche Stückliste gültig ist,
- welche Änderungen erfolgt sind,
- wann die Änderungen vorgenommen wurden,
- wer diese freigegeben hat.
Gerade bei langfristigen militärischen Projekten ist dies unverzichtbar.
Government Quality Assurance (GQA)
Ein Alleinstellungsmerkmal von AQAP ist die staatliche Qualitätssicherung. Je nach Vertrag kann eine Government Quality Assurance (GQA) vorgesehen sein.
Hierbei überwachen staatliche Qualitätssicherungsstellen im Auftrag des Beschaffers die Einhaltung der vertraglichen Qualitätsanforderungen. Dabei können unter anderem
- Fertigungsprozesse begleitet,
- Dokumentationen geprüft,
- Prüfungen beobachtet,
- Abnahmen durchgeführt,
- Qualitätsnachweise eingesehen werden.
Die Verantwortung für die Produktqualität verbleibt jedoch weiterhin vollständig beim Auftragnehmer.
Welche Unternehmen profitieren von AQAP?
Auch wenn keine unmittelbare Verpflichtung besteht, entscheiden sich viele Unternehmen freiwillig dafür, ihr Qualitätsmanagement auf AQAP-Anforderungen auszurichten. Dies gilt insbesondere für:
- Zulieferer der Verteidigungsindustrie
- Maschinenbauunternehmen
- Metallverarbeitung und Präzisionsfertigung
- Elektronikhersteller
- Softwareunternehmen
- Luft- und Raumfahrtzulieferer
- Unternehmen mit sicherheitskritischen Produkten
Ein entsprechend aufgebautes Managementsystem erhöht die Chancen bei öffentlichen Ausschreibungen erheblich.
Warum lohnt sich eine frühzeitige Vorbereitung?
Viele Unternehmen beginnen erst mit der Umsetzung, wenn bereits ein konkreter Auftrag vorliegt. Das führt häufig zu Zeitdruck.
Deutlich sinnvoller ist es, das bestehende Qualitätsmanagement frühzeitig zu erweitern. Dadurch können Prozesse schrittweise angepasst, Mitarbeitende rechtzeitig geschult und mögliche Schwachstellen bereits vor einer Kundenprüfung erkannt werden.
Außerdem verbessert ein strukturiertes Managementsystem nicht nur die Erfüllung militärischer Anforderungen, sondern wirkt sich häufig auch positiv auf Effizienz, Fehlervermeidung und Kundenzufriedenheit aus.
Im dritten Teil unserer Serie beantworten wir die häufigsten Fragen aus der Praxis und räumen mit verbreiteten Irrtümern auf. Sie möchten Ihr Qualitätsmanagement schon jetzt auf AQAP vorbereiten? Sprechen Sie uns an.



